Goldschmiede Kistler
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Wer für einen Verlobungsring nicht zwingend an die Zürcher Bahnhofstrasse will, kann mit der S-Bahn ins Oberland ausweichen. Von Zürich HB aus verbinden die Linien S 5 und S 15 im Viertelstundentakt nach Wetzikon, die Fahrt dauert 17 Minuten. Dort, an der Bahnhofstrasse 148, 8620 Wetzikon, sitzt die Goldschmiede Kistler. Der Strassenname ist Zufall, nicht Understatement: Das Atelier verarbeitet nach eigenen Angaben Edelmetalle und Steine im eigenen Haus in Wetzikon, es verkauft also nicht nur, was andernorts gefertigt wurde.
Anders als viele kleinere Goldschmieden, die ein einziges Verlobungsringmodell zeigen und den Rest dem Gespräch am Tresen überlassen, führt Kistler zwei getrennte, klar benannte Kollektionen. Die Verlobungsringe drehen sich um den Solitär, auf der eigenen Seite als „der unbestrittene Klassiker unter den Verlobungsringen" beschrieben, eine Ringschiene, gekrönt von einem einzigen Stein. Angeboten wird er in Weiss-, Rosé- und Rotgold, in Platin und in Carbon, dazu mit weissen oder farbigen Diamanten. Die Märchentrauringe sind eine eigene, zweite Linie mit mehreren benannten Modellen. Ihre Besonderheit ist eine versteckte Gravur: Der Name des Partners oder der Partnerin wird zu einer geheimen Inschrift auf der Innenseite der Ringe, sichtbar nur für das Paar selbst, ein Detail, das sich in einer x-beliebigen Ringauswahl aus dem Katalog nicht findet. Bei den Preisen gilt eine Einschränkung, die selten so offen kommuniziert wird: Die auf der Seite angegebenen Beträge sind ausdrücklich Richtpreise, die je nach Ausstattung, Dimension und Edelmetallkurs schwanken.
Eine dritte, kleinere Linie zeigt, dass hier auch technisch gearbeitet wird und nicht nur klassisch. Der Arabella-Zauberring lässt sich mit einer einzigen Drehbewegung von einer zurückhaltenden in eine funkelnde Ausführung verwandeln, ein Mechanismus im Ringinneren, den das Haus als eigene Entwicklung und als gut gehütetes Geheimnis bezeichnet.
Diamanten, Carbon und was sonst noch im Angebot liegt
Diamantschmuck bekommt eine eigene Kategorie, allerdings eher als Handwerksthema denn als Steinbörse: Die Seite beschreibt ausführlich, wie ein roher Diamant erst geschliffen und dann gefasst werden muss, bevor er an der Trägerin wirken kann, und stellt damit die Arbeit des Goldschmieds in den Vordergrund. Wer sich vor der Fassung erst noch selbst einen Stein aussuchen will, findet im hauseigenen Blog einen konkreten Weg dahin: Wer beschreibt, „von welchem Diamant oder Diamantschmuck" er träumt, bekommt laut eigener Aussage unverbindlich eine zugeschnittene Auswahl zusammengestellt, und das Haus steht auch nach dem Kauf für die Fassung zur Verfügung. Woher die Steine stammen, ist ebenfalls Thema eines Blogbeitrags: Der Händler, mit dem Kistler zusammenarbeitet, beziehe seine Diamanten „garantiert nur aus australischen, oder kanadischen Diamantminen", mit einer Lieferkette, die von Menschenrechtsverletzungen, erheblichen Umweltschäden, illegalen Aktivitäten oder Sanktionen befreit sei. Das ist eine Zusicherung des Händlers, keine unabhängige Zertifizierung, aber immerhin eine, die das Atelier öffentlich macht statt sie nur auf Nachfrage zu erwähnen. Farbige Edelsteine tauchen auf der allgemeinen Schmuckseite nur als Teil fertiger Stücke auf, nicht als separat verkaufte lose Ware. Das Haus positioniert sich hier klar als Manufaktur für fertige Stücke, nicht als Steinhändler.
Carbonschmuck ist die zweite Materialgeschichte, die das Sortiment von einer reinen Goldschmiede abhebt. Die Seite beschreibt das Material als schwarz und zugleich seidig schimmernd, mit einer warmen, fast holzähnlichen Haptik, und hält fest, dass Brillanten und farbige Edelsteine in Kombination mit Carbon intensiver wirken, auch weil sich Diamanten direkt ins Carbon fassen lassen, ohne zusätzliche Fassung. Wer eine Alternative zum klassischen Metallband sucht, findet die hier tatsächlich als eigene Kategorie, nicht als Randnotiz bei den Verlobungsringen. Dazu kommen Ohrschmuck und, als eigenwilligste Nische, die „Goldbengel": klassische Babyarmbänder, bei denen einzelne Goldbuchstaben zum Namen des Kindes zusammengesetzt werden, wahlweise in Gelb-, Rosé- oder Weissgold und mit kleinen Diamanten in den Buchstaben.
Service statt nur Verkauf
Was Kistler von einer reinen Ringboutique unterscheidet, ist das Angebot rund um bereits vorhandenen Schmuck. Reparaturen umfassen das Auffrischen von Echtschmuck, Grössenänderungen an Ringen sowie das Reparieren und Erneuern von Edelsteinfassungen, dazu Kettenreparaturen und das Neuaufziehen von Perlen- und Steinketten, Arbeiten, die ein Paar Jahre nach dem Kauf tatsächlich braucht, wenn ein Ring enger oder weiter werden muss. Bei „Neues aus Altem" wird nicht mehr getragener Schmuck nicht einfach eingeschmolzen: Der Goldwert wird laut eigener Beschreibung voll an ein neues Stück angerechnet, wahlweise unter Wiederverwendung des eingeschmolzenen Altgolds als Material für das neue Stück. Für Nachlässe und Versicherungsfälle bietet das Haus zwei getrennte Schätzungsarten an, eine Versicherungsschätzung, die den Wiederbeschaffungswert schriftlich und mit Fotos festhält, und eine Liquidationsschätzung, die den reinen Edelmetallwert für Erbteilungen ermittelt, mit Kaufangebot oder Weiterleitung an eine Auktion bei entsprechend wertvollen Steinen.
Am konkretesten wird die Seite beim Goldankauf, und ungewöhnlich transparent dazu. Für Alt- und Bruchschmuck aus Gold, Platin oder Palladium zahlt das Haus 85 Prozent des aktuellen Feingoldkurses in bar, oder 100 Prozent, wenn der Betrag als Gutschrift für ein neu angefertigtes Schmuckstück verwendet wird. Ein Rechenbeispiel auf der Seite selbst macht die Formel greifbar: 20.0 Gramm Altgold in 750er-Legierung (18 Karat) enthalten 15.0 Gramm Feingold, bei einem im Beispiel angenommenen Tageskurs von Fr. 98.00 pro Gramm ergeben 85 Prozent Fr. 83.30 pro Gramm, macht Fr. 1249.50 in bar. Für 585er-Gold (14 Karat) rechnet das zweite Beispiel mit 11.7 Gramm Feingold aus denselben 20.0 Gramm und kommt auf Fr. 975.00. Der Tageskurs selbst richtet sich laut Seite nach den Ansätzen von Gyr Edelmetalle, Steine werden vor der Bewertung schonend entfernt, Silber, vergoldete Ware und Zahngold nimmt das Haus nicht an.
Für wen sich der Weg lohnt
Was auf der Seite fehlt, ist ebenso aufschlussreich wie das, was dort steht: kein Gründungsjahr, keine Angabe zu Generationen oder zur Ausbildung des Goldschmieds. Für ein Schweizer Publikum, das solche Angaben oft als Vertrauensanker liest, ist das eine Lücke, wenn auch eine, die sich in einem Beratungsgespräch vor Ort schliessen lässt. Feste Ringpreise nennt die Seite ebenfalls nirgends, ausser dem Richtpreis-Hinweis bei den Märchentrauringen, alles andere läuft über ein Gespräch am Tresen.
Wer den Weg ins Oberland trotzdem macht, bekommt dafür ein Haus, das mehr kann als eine einzelne Vitrine an der Bahnhofstrasse: zwei eigenständige Ring-Kollektionen, eine technische Spielerei mit dem Arabella, Carbon als echte Alternative zum Metallband, eine öffentlich gemachte Herkunftsangabe bei den Diamanten und, selten genug, eine offen gerechnete Goldankaufsformel für alles, was später einmal in der Schublade landet statt am Finger. Für ein Paar, das sich Zeit für die Auswahl nehmen und beide Ringe möglichst am gleichen Ort bestellen will, ist das eine ernsthafte Alternative zur Innenstadt, kein Kompromiss.