les Millionnaires
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Wer an der Storchengasse vorbeigeht, sieht auf den ersten Blick wenig: ein schmales Ladenlokal in einer der ruhigeren Gassen der Zürcher Altstadt, keine Leuchtreklame, kein Schaufenster im Format einer Bahnhofstrasse-Boutique. Genau das ist bei les Millionnaires der Punkt. Die Familienwerkstatt sitzt an dieser Adresse, unauffällig genug, dass man zwei- oder dreimal daran vorbeilaufen kann, ohne zu merken, was drinnen passiert: Verlobungsringe, Trauringe und Schmuck werden hier von Grund auf entworfen, nicht von der Stange verkauft. Für ein Paar, das eine persönliche Beratung sucht statt einer Vitrine mit Preisschildern, ist die unaufdringliche Lage kein Nachteil, sondern das eigentliche Argument.
Die Geschichte beginnt 1984, und zwar nicht in einem Ladenlokal, sondern auf dem Rosenhof-Flohmarkt mitten in der Altstadt. Dort verkauften Francine und Urs Böhler zusammen mit Ernst Baumann ihre ersten von Hand gefertigten Schmuckstücke, so schildert es die Firma selbst auf ihrer eigenen Seite. Aus dem Marktstand wurde eine Werkstatt, aus der Werkstatt das heutige Geschäft an der Storchengasse 13. Über 30 Jahre später stiess mit Nikki Böhler die nächste Generation dazu und führt den Betrieb seither mit. Im Handelsregister des Kantons Zürich firmiert das Unternehmen unter dem Namen Les Millionnaires, Böhler & Baumann, Registernummer CHE-103.414.551, eine Formalität, die selten in einer Produktbeschreibung auftaucht, hier aber bestätigt, dass es sich tatsächlich um dieselbe eingetragene Firma handelt, die seit 1984 unter diesem Namen existiert. Nach eigenen Angaben zählt das Team heute 12 Personen.
Seit 2010 hat les Millionnaires das Sortiment auch auf Uhren ausgeweitet. Laut Website werden auch die Uhren im eigenen Atelier in Zürich gefertigt, eine bemerkenswerte Aussage für ein Haus dieser Grösse. Welche Uhrwerke dabei zum Einsatz kommen und ob es sich um Gehäuse- und Fassungsarbeit statt vollständiger Uhrmacherei handelt, verrät die Seite nicht, weshalb sich das an dieser Stelle nicht weiter aufschlüsseln lässt.
Für die Kategorie der Altstadt-Goldschmiede ist genau diese Art von Firmengeschichte der eigentliche Massstab: nicht die Grösse des Schaufensters, sondern die Frage, ob dieselbe Familie über Jahrzehnte an derselben Sache gearbeitet hat. les Millionnaires erfüllt das auf dem Papier klar, mit einem Handelsregistereintrag, der die eigene Gründungsgeschichte stützt statt sie nur zu behaupten. Das unterscheidet den Betrieb von reinen Verkaufsflächen, die zwar Ringe anbieten, aber weder eine eigene Werkstatt noch eine nachvollziehbare Geschichte dahinter haben.
Wo tatsächlich gearbeitet wird
Ein Detail lohnt sich, genau zu lesen, weil es leicht durcheinandergerät: Der Verkaufsraum an der Storchengasse und die Werkbank sind nicht derselbe Ort. Das eigentliche Atelier liegt im Zürcher Niederdorf, nach Unternehmensangaben rund 10 Gehminuten vom Laden entfernt, auf der anderen Seite der Limmat. Wer eine Anfertigung nach Mass bespricht, tut das im Geschäft an der Storchengasse, während die Goldschmiedearbeit selbst ein Stück weiter östlich passiert. Das widerspricht dem Familienbetrieb-Argument nicht, denn beide Standorte gehören zur gleichen Firma, aber es ist etwas anderes, als wenn die Werkbank direkt hinter der Ladentheke stünde, wie man es sich bei einer kleinen Altstadt-Goldschmiede manchmal vorstellt.
Wie ernst das Unternehmen die Herkunft seiner Materialien nimmt, zeigt eine Zahl, die es selbst veröffentlicht: Seit Anfang 2017 verlangt die Schweizer Swissness-Gesetzgebung, dass mindestens 60 Prozent der Herstellungskosten in der Schweiz anfallen, damit ein Schmuckstück als Schweizer Produkt gelten darf. les Millionnaires gibt an, diese Schwelle mit 99 Prozent lokalem Wertschöpfungsanteil deutlich zu übertreffen, und nennt dazu konkrete Partner: Die Lederetuis kommen von einem Sattler aus dem Niederdorf, die Bänder von der Firma Kern, und die Verpackung ist mit einem Aufforstungsprojekt eines Schweizer Försters in Thailand verknüpft. Ob sich jede einzelne Lieferkette im Detail nachprüfen lässt, kann diese Besprechung nicht beurteilen, aber die Bereitschaft, eine konkrete Prozentzahl und Lieferantennamen zu nennen statt nur mit dem Begriff Schweizer Handwerk zu werben, ist für eine kleine Werkstatt ungewöhnlich transparent.
Was ein Paar konkret bekommt
Für eine Anfertigung nach Mass nimmt die Werkstatt eigenen Angaben zufolge auch mitgebrachtes Material an: alte Schmuckstücke, Altgold und ungefasste Steine, die zu einem neuen Ring verarbeitet werden, ebenso wie komplett neue Entwürfe, von der groben Idee bis zur fertigen Zeichnung. Diese Bereitschaft, mit dem Material der Kundschaft statt nur mit dem eigenen Lagerbestand zu arbeiten, ist für ein Paar interessant, das den Stein einer Grossmutter neu fassen oder Familiengold wiederverwenden will, statt einen neuen Diamanten zu kaufen.
Was die Website nicht sagt, ist ebenso wichtig wie das, was sie sagt: Wie lange eine solche Anfertigung dauert, was sie kostet und welche Gewährleistung nach dem Kauf gilt, steht auf keiner der öffentlich zugänglichen Seiten. Auch Öffnungszeiten sind dort nicht aufgeführt. Wer diese Angaben braucht, muss im Laden nachfragen statt sich vorab online zu informieren, was bei einer Werkstatt dieser Grösse nicht ungewöhnlich ist, aber erwähnt werden sollte, bevor man mit falschen Erwartungen hinfährt.
Ebenfalls unveröffentlicht bleibt, wo die aktuellen Goldschmiedinnen und Goldschmiede ihre Lehre gemacht haben, ein Punkt, der bei einer Altstadt-Werkstatt sonst oft als Aushängeschild dient. Die Familiengeschichte selbst, vom Flohmarktstand zur eingetragenen Firma mit 12 Angestellten, liefert ein starkes Argument für Kontinuität, ersetzt aber keine Angabe zur fachlichen Ausbildung der Personen, die tatsächlich am Ring arbeiten. Für ein Paar, dem die Ausbildung des Goldschmieds wichtiger ist als die Firmengeschichte, lohnt sich ein Anruf vor dem Termin.
Für wen sich der Weg lohnt
les Millionnaires passt zu einem Paar, das eine Alternative zur Bahnhofstrasse sucht: kein Filialbetrieb eines internationalen Hauses, sondern eine Firma, die seit 1984 in derselben Familie liegt und ihre Herkunft mit einer nachprüfbaren Prozentzahl statt nur mit Werbesprache belegt. Wer bereit ist, eigenes Gold oder einen ererbten Stein mitzubringen, findet hier eine Werkstatt, die genau darauf eingerichtet ist, auch wenn Preis, Dauer und Gewährleistung erst im persönlichen Gespräch klar werden statt schon auf der Webseite. Weniger passend ist der Laden für alle, die vor dem ersten Besuch schon eine Preisspanne oder eine feste Lieferzeit brauchen, denn beides bleibt bis zum Termin offen.
Wer stattdessen einen Blick ins Schaufenster einer bekannten Marke werfen und den Ring direkt mitnehmen will, ist auf der Bahnhofstrasse besser aufgehoben. les Millionnaires ist der Gegenentwurf dazu: langsamer im Ablauf, dafür mit einem Ring, der vorher nicht in einer Vitrine lag, sondern eigens für dieses eine Paar entstanden ist. Für ein Schweizer Paar, das ohnehin lieber zuerst ein Gespräch führt als online zu bestellen, spielt das der Werkstatt in die Karten, gerade weil sie sich nicht wie ein Flagship-Store präsentiert, sondern wie das, was sie laut eigener und amtlicher Quelle tatsächlich ist: ein seit 1984 geführter, im Familienbesitz gebliebener Handwerksbetrieb mitten in der Altstadt.
Unter dem Strich bleibt eine seit 1984 bestehende Adresse in der Altstadt, deren grösster Pluspunkt genau die fehlende Bahnhofstrasse-Kulisse ist: eine eingetragene Familienfirma, ein bezifferter Schweizer Produktionsanteil und eine Werkstatt, die eigenes Material verarbeitet statt nur neue Ware zu verkaufen. Die Lücke bei Ausbildung, Preis und Gewährleistung ist real, aber sie ist genau die Art von Lücke, die ein einziger Anruf schliesst, kein Grund, einen Bogen um den Laden zu machen.