Chanel
Touchez une étoile pour noter
Chanel hat mit der Boutique an der Bahnhofstrasse 52 zum ersten Mal ein eigenständiges Haus in Zürich, keine Randnotiz mehr in einem Kaufhaus, sondern ein Flagship über 3 Stockwerke mit 575 Quadratmetern Fläche. Wer über eine Suche nach einem Verlobungsring von Chanel hierherkommt, landet zuerst gedanklich bei Mode und Handtaschen, dabei sitzt die eigentliche Fine Jewellery in einem eigenen, deutlich ruhigeren Bereich im Haus. Dort, in einem dunkler gehaltenen, fast wohnlichen Raum neben dem Eingangsgeschoss, sind die Schmucklinien Camélia und Coco Crush sowie die Uhrenlinien J12 und Première ausgestellt, dazu eine Auswahl an Haute Joaillerie und Haute Horlogerie, die im übrigen Haus nicht zu sehen ist. Auf der Chanel-Website selbst ist der Zusammenhang klarer als vor Ort vermutet: Die Fine-Jewellery-Rubrik führt neben Rings, Bracelets, Earrings, Necklaces und Brooches eine eigene Bridal-Unterkategorie mit Engagement Rings und Wedding Bands, was eine Suche nach einem Verlobungsring von Chanel überhaupt erst zu einer sinnvollen Anfrage macht, auch wenn die Zürcher Boutique selbst keine so feine Unterteilung ausweist, sondern schlicht die gesamte Fine-Jewellery-Linie zusammen präsentiert.
Der Rundgang beginnt im Erdgeschoss mit Modeschmuck, Brillen, Schals, Kleinlederwaren und Taschen, dem Chanel-Universum, das die meisten Kundinnen zuerst erwarten. Direkt daran angrenzend liegt die Schmuck- und Uhrenabteilung. Ein separater Salon dahinter ist ausgewählten Kundinnen vorbehalten, dort war zuletzt das Collier 55.55 aus der Haute-Joaillerie-Linie N°5 zu sehen, ein Zeichen dafür, dass Chanel seine aufwendigsten Stücke nicht einfach ins Schaufenster stellt. Eine Treppe aus weissem Marmor, flankiert von aneinandergereihten Spiegeln, eine bewusste Anspielung auf die Treppe an der Rue Cambon 31 in Paris, führt hinauf in den ersten Stock, wo drei Räume weitere Accessoires und die Schuhkollektionen zeigen. Der zweite Stock gehört dem Prêt-à-porter: drei Salons mit Tweed-Sofas, verzierten Metallkonsolen und dunklem Eichenboden, in denen die erste Métiers-d'art-Kollektion des neuen Chanel-Kreativdirektors Matthieu Blazy zu sehen ist, der die Position im Dezember 2024 übernommen hat.
Für die Kunstwerke im Haus hat Chanel sichtbar investiert: rund 20 Werke, teils eigens erworben, teils in Auftrag gegeben, als Reverenz an die Künstlerfreunde von Gabrielle Chanel, von Pablo Picasso über Salvador Dalí bis Igor Strawinsky. Dazu gehören Collagen von Georges Mathieu, Gemälde des südkoreanischen Künstlers Lee Bae und eine monochrome Holzassemblage von Louise Nevelson. Das Interieur stammt, wie bei den meisten neueren Chanel-Boutiquen weltweit, vom amerikanischen Innenarchitekten Peter Marino: Beige- und Elfenbeintöne dominieren, dazu Teppiche in Schwarz, Weiss und Gold sowie zahlreiche Spiegel. In der Schmuckabteilung wechselt die Stimmung zu einem granatroten Ton, der an das Innenfutter der Chanel-Taschen erinnert, kombiniert mit goldenen Texturen und lackierten Wänden im Stil der Coromandel-Wandschirme, die Gabrielle Chanel einst für ihre eigene Wohnung an der Rue Cambon 31 sammelte.
Für ein Zürcher Paar ist der dritte Stock der eigentlich interessante Teil des Hauses, auch wenn er mit dem Ringkauf selbst wenig zu tun hat. Ab Mitte Juli 2026 sollte dort laut Ankündigung ein Bereich namens Chanel & moi, Les Ateliers, eröffnen, auf 135 Quadratmetern, die erste Einrichtung dieser Art innerhalb einer Chanel-Boutique in Europa. Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker aus dem Couture-Atelier und dem Leder-Atelier sollen dort reparieren, abändern und restaurieren, was bisher praktisch immer den Umweg über Paris oder zumindest den Versand dorthin bedeutete. Für einen Verlobungs- oder Ehering, der Jahre später einmal enger oder weiter gestellt werden muss, oder für eine Tasche, deren Griff reisst, wäre das ein konkreter, vor Ort nachprüfbarer Unterschied zu einer Maison, die nur verkauft und für alles Weitere auf eine Zentrale im Ausland verweist. Was eine solche Reparatur kostet und wie lange sie dauert, veröffentlicht Chanel nicht, das lässt sich nur in der Boutique selbst klären, und ob das Atelier zum angekündigten Termin tatsächlich den Betrieb aufgenommen hat, war zum Zeitpunkt der Recherche nicht unabhängig zu bestätigen.
Bahnhofstrasse im Vergleich
Bahnhofstrasse 52 liegt in unmittelbarer Nähe zu den anderen internationalen Maisons in dieser Kategorie, etwa Cartier oder Van Cleef & Arpels, und weiter oben zu einheimischen Häusern mit eigener Werkstatt und Familiengeschichte. Chanel gehört klar zur ersten Gruppe: keine Zürcher Gründung, keine hier ansässige Goldschmiedin mit eigener Lehre, dafür ein Name, der 1910 in Paris entstand, als Gabrielle Chanel mit finanzieller Unterstützung von Boy Capel an der Rue Cambon 31 ihr erstes eigenständiges Geschäft eröffnete. Die Fine-Jewellery-Sparte des Hauses reicht zurück auf 1932, als Chanel mit der Kollektion Bijoux de Diamants die erste hochwertige Schmucklinie überhaupt vorlegte, die von einer Modeschöpferin entworfen wurde. Die Zürcher Boutique führt dieses Erbe heute unter dem Namen Collection N°5 weiter, sichtbar unter anderem am bereits erwähnten Collier 55.55 im Salon. Wer eine gewachsene Zürcher Geschichte an derselben Adresse sucht, findet sie bei Chanel naturgemäss nicht, dafür ein Design, das weltweit gleich bleibt und in jeder anderen grossen Chanel-Boutique wiederzufinden ist, was bei einer späteren Reise oder einem Wohnortwechsel praktisch sein kann.
Für wen sich der Weg lohnt
Am besten passt die Boutique zu einem Paar, das bereits weiss, dass es einen Ring aus der Linie Coco Crush oder aus der Collection N°5 will, und die Fassung vor Ort anprobieren möchte, statt sie nur online zu betrachten. Ebenso passt sie zu Paaren, die den globalen Namen bewusst wollen und keine lokale Werkstatt-Erzählung erwarten, dafür aber Wert auf eine mögliche spätere Betreuung am selben Ort legen. Wer eine benennbare Goldschmiedin sucht, die ihre Lehre in Zürich gemacht hat, oder wenigstens eine ungefähre Preisvorstellung online sehen will, findet beides bei Chanel nicht: Preise nennt die Website an keiner Stelle, weder für die Schmucklinien noch für die Haute-Joaillerie-Stücke im Salon. Auch die Öffnungszeiten sind, verglichen mit einer lokalen Bijouterie, eher knapp bemessen, von Montag bis Freitag von 10 bis 19 Uhr und am Samstag von 10 bis 18 Uhr, sonntags bleibt das Haus geschlossen. Der Zugang zum eigentlichen Salon mit den grossen Stücken wirkt zudem kuratiert statt offen: Er empfängt ausgewählte Kundinnen, kein Laufpublikum von der Strasse.
Fazit
Für ein Paar, das gezielt nach Chanel sucht, ist die neue Boutique an der Bahnhofstrasse 52 die richtige Adresse in Zürich: eine Fine-Jewellery-Abteilung, die eigenständig genug wirkt, um in dem grossen Modehaus nicht unterzugehen, und mit dem angekündigten Atelier im dritten Stock sogar ein Argument dafür, den Ring hier zu kaufen statt nur online zu bestellen, weil eine spätere Reparatur oder Änderung nicht mehr zwingend über Paris laufen müsste. Der Wermutstropfen bleibt die fehlende Preistransparenz, die bei einer Maison dieser Grössenordnung kaum überrascht, dazu der eng gehaltene Zugang zum eigentlichen Schmucksalon. Wer damit leben kann, bekommt an dieser Adresse ein weltweit bekanntes Design mit einer Geschichte, die bis 1932 zurückreicht, mitten auf der Bahnhofstrasse.