David & Sohn
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David & Sohn sitzt nicht an der Bahnhofstrasse, sondern ein paar hundert Meter weiter südlich an der Beethovenstrasse 9 im Kreis 2, in der Nähe von See und Tonhalle. Das Geschäft wurde 1917 in Zürich gegründet und wird heute in vierter Generation geführt, von den Brüdern Patrick und Marc David. Wer an dieser Adresse ein Schaufenster mit ausgestellten Verlobungsringen erwartet, wird enttäuscht: David & Sohn ist in erster Linie ein Diamantenhaus und kein Ringgeschäft, und das prägt praktisch jede Seite der eigenen Website.
Gegründet hat die Firma der aus Paris stammende Leo David (1870–1949). Die eigene Seite beschreibt ihn als Erfinder der sogenannten Majorica-Perlen, künstlichen Perlen aus Fischschuppen, die unter diesem Namen international bekannt wurden. Die zweite Generation, Pierre David (1903–1993), reiste früh nach Japan, um Akoya-Zuchtperlen direkt an der Quelle zu sichern, und baute daneben ein Standbein im Handel mit antikem Schmuck und mit Diamanten auf. Die dritte Generation, Jean-Pierre David (1944–2006), verlagerte den Schwerpunkt endgültig auf Diamanten. Er handelte regelmässig in New York und eröffnete dort zusammen mit seinem Partner Roy Herzl eine eigene Diamantschleiferei, die laut der Website bis heute zu den bekanntesten der Branche zählt.
Patrick und Marc David, die vierte Generation, führen das Haus seit Jahren gemeinsam. Ihre eigene Ausbildung beschreibt die Website als Stationen im Perlenhandel in Lausanne, im Handel mit antikem Schmuck und im Erwerb des GIA-Diploms, dazu ein Training im Diamantenschleifen bei Roy Herzl in New York. Diese amerikanische Verbindung ist damit keine reine Geschichte aus dem Familienalbum, sondern reicht bis in die heutige Geschäftsführung hinein: Die New Yorker Adresse 580 5th Avenue, Suite 521, die auf der Kontaktseite neben Zürich aufgeführt ist, gehört über die dort angegebene Kontakt-E-Mail zu Roy Herzls eigener Firma.
Diamantwissen statt Ringkatalog
Was David & Sohn auf der eigenen Website tatsächlich zeigt, ist in erster Linie Fachwissen über den Stein selbst. Eine eigene Seite erklärt die vier Kriterien des Gemological Institute of America, kurz GIA: Schliff, Karat, Farbe und Reinheit. Ein Karat entspricht 0,2 Gramm, ein Brillant von 0,005 Karat hat demnach etwa 1 mm Durchmesser, einer von 5 Karat rund 11 mm, was die abstrakte Grösseneinheit fassbar macht. Die Farbskala reicht laut Website von D, also farblos, bis Z, hellgelb bis bräunlich, während nur Steine, die auch bei 10-facher Lupenvergrösserung keine Einschlüsse zeigen, als lupenrein gelten. Der Schliff wird von "excellent" bis "poor" bewertet. Als Beispiel für die Grössenordnungen, in denen sich das Fach bewegt, nennt die Seite den Cullinan, einer der grössten je gefundenen Diamanten, der mit 3106,70 Karat gefunden und später in 105 Einzelsteine aufgeteilt wurde. Farbige Diamanten in Gelb, Pink oder Blau bezeichnet die Website als besonders selten und entsprechend wertvoll.
Dieses Niveau an Erklärung ist für die Kategorie genau das, was einen Diamantenhändler von einem gewöhnlichen Schmuckgeschäft unterscheidet: David & Sohn positioniert sich als Adresse, an der ein Paar die vier Kriterien versteht, bevor es sich für einen Stein entscheidet, statt sich auf den Verkaufsspruch am Tresen zu verlassen. Preise für einzelne Steine nennt die Website an keiner Stelle, was bei einem Handel mit ausgesuchten Einzelstücken nicht ungewöhnlich ist, hier aber komplett fehlt, auch nicht als grobe Grössenordnung.
Keine fertigen Ringe, ein Fachpublikum
Auffällig ist, was auf der Website fehlt: eine Ringkollektion, ein Katalog mit Fassungen oder auch nur ein einziges Foto eines fertigen Verlobungsrings. Die Werkstattseite beschreibt stattdessen ein Team aus, so die eigene Formulierung, hochqualifizierten Gemmologen und Diamantschleifern, deren Arbeit von der Bewertung und Zertifizierung bis zum Ankauf von Wertgegenständen reicht. Die englische Version der Seite nennt als Kundschaft ausdrücklich andere Juweliere, private Verkäufer, Versicherungsexperten, Privatbankiers, Investoren und Treuhänder, ein Kundenkreis, der eher auf lose Diamanten und Bewertungen zielt als auf ein Paar, das direkt einen Ehering kaufen will. Für ein Zürcher Paar, das sich einen fertigen Verlobungsring anschauen und mitnehmen möchte, ist das ein echter Unterschied zu einem klassischen Juwelier mit Schaufenster. Ein kurzer Anruf vorab, ob und wie ein gewählter Stein tatsächlich in eine eigene Fassung übergeht oder ob dieser Schritt an einen Partnerbetrieb geht, dürfte eine Enttäuschung vor Ort ersparen, denn die Website selbst beantwortet diese Frage nirgends.
Wer stattdessen ein geerbtes Schmuckstück verkaufen oder schätzen lassen möchte, findet auf der Ankaufseite einen knapp beschriebenen, aber klaren Ablauf: Nach einem ersten Telefongespräch wird ein persönlicher Beratungstermin vereinbart, bei dem die Juwelen bei Bedarf vor Ort begutachtet werden, und im Anschluss folgt eine schriftliche Offerte, die laut Website auf einer kompetenten und sorgfältigen Bewertung beruht. Wie lange dieser Prozess dauert und in welcher Höhe sich ein Angebot bewegt, wird nirgends genannt, was sich aus der eigenen Seite entsprechend nicht belegen lässt und deshalb hier offenbleibt.
Zürich und New York, keine Öffnungszeiten
Die Kontaktseite nennt für Zürich die Adresse Beethovenstrasse 9, 8002 Zürich, mit der Telefonnummer +41 44 201 05 30 und einer allgemeinen E-Mail-Adresse, daneben die bereits erwähnte New Yorker Adresse an der 5th Avenue. Feste Öffnungszeiten stehen dort nirgends, ebenso wenig ein Hinweis auf Laufkundschaft oder ein offenes Schaufenster. Sowohl local.ch als auch search.ch listen den Betrieb unter identischer Adresse, local.ch zeigt den Status ausdrücklich als geöffnet und bietet eine Terminreservierung an, während search.ch vermerkt, dass der Inhaber keine Werbung wünscht, ein Detail, das zu einem Haus passt, das seit über einem Jahrhundert eher von Empfehlung als von Anzeigen lebt. Ein Hinweis auf eine Schliessung, einen Konkurs oder einen Verkauf des Geschäfts fand sich in keiner der geprüften Quellen.
Für wen sich der Weg lohnt
David & Sohn passt am besten zu einem Paar, das sich zuerst über den Stein selbst klar werden will, die vier Kriterien versteht und Wert auf eine Familie legt, die seit 1917 im Fach steht und über die eigene Diamantschleiferei in New York auch international mitredet, statt nur ein Name an der Bahnhofstrasse zu sein. Wer dagegen an einem Nachmittag mehrere fertige Ringe anprobieren und noch am selben Tag mit einem davon nach Hause gehen möchte, findet auf dieser Website weder eine Kollektion noch die Zusicherung, dass genau das vor Ort möglich ist, und sollte das vor der Terminvereinbarung telefonisch klären statt sich auf die Website zu verlassen. Die grösste Schwäche des Auftritts, das vollständige Fehlen von Ringfotos und Preisen, ist zugleich die ehrlichste Botschaft, die er sendet: Hier zählt zuerst der Stein und seine Herkunft, das Drumherum kommt später und wird am besten im persönlichen Gespräch geklärt, nicht auf der Startseite.