Wempe
Tocca una stella per valutare
Wer den Namen Wempe kennt, kennt ihn meistens von einer Uhr am Handgelenk, nicht von einem Ring am Finger. In Zürich ist das nicht anders. Die Boutique an der Bahnhofstrasse gilt bei den meisten als Adresse für Rolex, für Cartier-Uhren oder für die eigenen Wempe-Zeitmesser, kaum als Ziel für einen Verlobungsring. Wer trotzdem danach fragt, wird fündig: Das Haus führt neben dem bekannteren Uhrengeschäft eine eigenständige Verlobungsringe-Kollektion, die in der öffentlichen Wahrnehmung der Marke leicht untergeht, aber ein eigenes Kapitel verdient. Gerade weil der Name so eng mit Zeitmessern verknüpft ist, lohnt sich für ein Zürcher Paar ein zweiter Blick auf das, was ausserhalb der Uhrenvitrinen liegt.
Die Kollektion selbst nennt sich schlicht Verlobungsringe und gliedert sich in einen klassischen Solitaire, verschiedene Diamantenschliffe und ein zartes Trilogie-Design mit drei Steinen, wie es das Haus auf der eigenen Verlobungsseite beschreibt. Daneben führt die hauseigene Schmucklinie Wempe Fine Jewelry benannte Modelle wie Ring ONE, Ring TWIST und Ring MEMORIES, jedes mit einem eigenen Gestaltungsprinzip statt als reine Variantenliste desselben Rings. Wer zusätzlich einen Trauring sucht, findet ihn auf derselben Seite unter Verlobung und Hochzeit, zusammen mit Vorsteckringen und Geschenken für Trauzeugen. Das ist ein anderer Ansatz als bei den kleinen Ateliers der Zürcher Altstadt, die mit einer Anfertigung nach Mass werben: Bei Wempe kauft man ein bestehendes, benanntes Design und lässt es allenfalls in Metall und Fassungsdetails anpassen, keine Einzelanfertigung nach eigener Skizze. Wer schon eine klare Vorstellung von der Fassung hat und sie eher anprobieren als von Grund auf entwerfen lassen will, findet hier eine Auswahl, die über den reinen Solitär hinausgeht.
Ein Familienunternehmen aus Norddeutschland
Wempe ist kein Zürcher Haus, sondern ein deutsches Familienunternehmen mit langer eigener Geschichte. Gerhard D. Wempe eröffnete 1878 mit einem Startkapital von 80 Mark sein erstes Uhrengeschäft in Elsfleth an der Weser, weit weg von jeder Bahnhofstrasse. Seine Nachkommen bauten daraus ein international tätiges Haus: Filialen in New York folgten 1980, in Paris 1985, in London 1997. Seit 2003, im Jahr des 125-jährigen Firmenjubiläums, leitet Kim-Eva Wempe, Tochter von Hellmut Wempe, das Unternehmen operativ, als erste Frau an der Spitze der Firma. Seit 2006 betreibt die Familie zudem eine eigene Uhrenmanufaktur in Glashütte in Sachsen, die unter dem Namen Wempe Glashütte i/SA eigene Kollektionen mit Chronometerzertifizierung fertigt. Verkauft werden daneben auch die grossen Schweizer und internationalen Uhrenmarken: Rolex, Cartier, A. Lange & Söhne, Jaeger-LeCoultre, IWC und Omega gehören zum Sortiment, mit früheren Sondereditionen zusammen mit Longines, Girard-Perregaux und Ulysse Nardin. Für ein Uhrenhaus ist das eine ungewöhnlich durchgehende Familiengeschichte über mehrere Generationen, vom ersten kleinen Laden an der Weser bis zu Boutiquen in mehreren Weltstädten. Für den Verlobungsring in der Zürcher Vitrine bedeutet es vor allem, dass hinter dem Namen kein anonymer Konzern steht, sondern ein Betrieb mit eigener Handschrift, auch wenn diese Handschrift in Sachsen entsteht und nicht am Zürichsee.
Bahnhofstrasse statt Zürcher Werkstatt
Der Unterschied zu den alteingesessenen Zürcher Häusern in dieser Kategorie liegt genau hier. Wer bei einem Goldschmied an der Bahnhofstrasse oder in einem Altstadt-Atelier nach der Herkunft des Rings fragt, bekommt oft eine Antwort mit einer eigenen Werkstatt, einer Goldschmiedin, die ihre Lehre in Zürich selbst gemacht hat, und einem Haus, das seit Generationen an derselben Adresse sitzt. Bei Wempe ist die Antwort eine andere: Die Uhren kommen aus der eigenen Manufaktur in Glashütte, die Ringe aus benannten Kollektionen, die weltweit in denselben über 30 Niederlassungen des Hauses angeboten werden. Das ist kein Nachteil für alle, aber ein anderes Versprechen. Wer eine international bekannte Marke mit Rolex-Vertretung, mehreren Uhrenmarken unter einem Dach und einer eigenen Chronometermanufaktur sucht und den Ring bei derselben Gelegenheit gleich mitkaufen will, ist an der Bahnhofstrasse-Boutique richtig. Wer den Ring lieber von jemandem möchte, der ihn am eigenen Werktisch in Zürich fertigt und dessen Familie seit Generationen genau dort sitzt, findet diese Alternative eher bei den kleineren Häusern und Ateliers derselben Kategorie.
Für wen sich das lohnt
Am ehesten passt Wempe zu einem Paar, das sich für die Uhr genauso interessiert wie für den Ring, oder das den Namen bereits von einer Rolex oder Cartier-Uhr im eigenen Haushalt kennt und der Marke vertraut. Auch wer wenig Lust auf eine lange Beratung über Fassungsdetails hat und lieber aus einer klar benannten, überschaubaren Kollektion wählt, kommt hier schneller zum Ziel als bei einem Atelier, das jeden Ring von Grund auf bespricht. Wer dagegen unbedingt eine benennbare, in Zürich ausgebildete Goldschmiedin sucht oder eine Anfertigung nach eigener Skizze will, findet das bei Wempe nicht und sollte eine der einheimischen Alternativen in dieser Kategorie prüfen. Zu Preisen und zur konkreten Gewährleistung auf einen in der Schweiz gekauften Ring äussert sich das, was sich hier seriös nachprüfen liess, nicht, das lässt sich nur direkt in der Boutique klären.
Ein Vorbehalt zur Grösse des Hauses
Ein Punkt gehört zur Ehrlichkeit dazu. Die Schmuckbranche hat es derzeit nicht überall leicht, und auch Wempe hat darauf reagiert: Ende 2024 schloss das Haus seine Filiale in der Mannheimer Fussgängerzone, ebenso die Filiale an der Hamburger Mönckebergstrasse, die nach eigenen Angaben über 40 Jahre lang bestanden hatte, mit einem geplanten Nachfolgestandort an der Jungfernstieg. In London verlor Wempe zudem seine Rolex-Lizenz an eine eigene Rolex-Boutique. Nichts davon betrifft nach allem, was sich recherchieren liess, die Schweiz oder Zürich, und für eine Bahnhofstrasse-Boutique dieser Grösse und mit offizieller Rolex-Vertretung für die Schweiz gibt es keinen Hinweis auf eine ähnliche Entwicklung. Es zeigt aber, dass sich ein Konzern dieser Grösse, anders als ein kleines Familienatelier an derselben Strasse, laufend neu sortiert. Für die Kaufentscheidung heute ändert das wenig, zur Einschätzung des Hauses gehört es trotzdem.
Fazit
Wempe an der Bahnhofstrasse ist in erster Linie ein Uhrenhaus, aber eines mit einer Verlobungsringe-Kollektion, die es verdient, weniger übersehen zu werden, als sie es meistens wird. Wer eine bekannte, seit 1878 familiengeführte Marke mit internationalem Netz und eigener Uhrenmanufaktur sucht und den Ring am liebsten gleich neben der neuen Uhr kauft, bekommt hier beides unter einem Dach, dazu mit Rolex, Cartier und weiteren grossen Uhrenmarken im selben Haus. Wer stattdessen den Ring unbedingt von einer Zürcher Werkstatt möchte, sollte in dieser Kategorie weiterschauen. Für alle anderen bleibt die Boutique an der Bahnhofstrasse eine seriöse, gut vernetzte Adresse, auch wenn ihre eigentliche Stärke eher am Handgelenk liegt als am Ringfinger.