Boerse4
Touchez une étoile pour noter
Wer in Zürich einen Verlobungsring mit Vorgeschichte sucht statt eines Steins direkt aus der Vitrine, landet früher oder später an der Ecke Glockengasse/Augustinergasse. Dort, keine 140 Meter von der Bahnhofstrasse entfernt und gleich neben dem Münzplatz, sitzt Börse4: ein An- und Verkaufsgeschäft für Schmuck, Uhren und Altgold mitten in der Altstadt.
Der Name verrät die Herkunft nicht auf den ersten Blick, die Firmengeschichte schon eher. Gegründet wurde das Geschäft 1972 an der Anwandstrasse 10, im Kreis 4, den man in Zürich im Volksmund als „Chreis Chaib" kennt. In den späten Neunzigerjahren wurde das Gebäude, in dem sich das Ladenlokal befand, verkauft und zu einem kleinen, feinen Hotel umgebaut, wie die eigene Firmengeschichte auf der Website schreibt. Das war der Anlass für den Umzug in den vornehmeren Kreis 1: Im Jahr 2000 übernahm die Börse4 das Ladenlokal an der Augustinergasse 14, in einem Haus, das die Stadt Zürich in den Neunzigerjahren zum „James Joyce Corner" erklärt hat. Wer die Adresse aufsucht, landet also nicht bei einem x-beliebigen Ladenlokal, sondern bei einem Haus mit eigenem Stück Stadtgeschichte, mitten zwischen Bahnhofstrasse und Rennweg.
Was man bei Börse4 bekommt, ist im Kern ein doppeltes Geschäft: Ankauf und Verkauf von Feinschmuck und Uhren namhafter Häuser, dazu Altgold. Bei den Uhren führt die Website eine lange Liste an Marken, die man dort an- und verkauft, von Audemars Piguet, Breguet und Patek Philippe über Rolex, Omega und IWC bis zu Ulysse Nardin und Zenith. Beim Schmuck sind es Namen wie Cartier, Van Cleef & Arpels, Boucheron, Bulgari, Chopard, Pomellato und Tiffany & Co., Häuser, die auch für ihre Verlobungs- und Trauringlinien bekannt sind. Wer eine alte Fassung von einem dieser Namen im Familientresor liegen hat und daraus einen neuen Ring finanzieren will, oder wer umgekehrt gezielt eine gebrauchte Fassung mit Vergangenheit sucht statt eines neuen Solitärs, ist bei diesem Geschäftsmodell an der richtigen Adresse. Ein eigener Online-Shop mit Warenkorb und Wunschliste ergänzt das stationäre Geschäft: Ein Teil der übernommenen Stücke aus dem Ankauf wird darüber wieder verkauft. Auf der Shop-Seite taucht neben den bereits genannten Namen eine noch breitere Markenliste auf, darunter Hublot, Piaget, Roger Dubuis, Jacob & Co. und Louis Vuitton, ein Hinweis darauf, dass das Sortiment im Lauf der Jahre über die ursprüngliche Kernauswahl hinausgewachsen ist.
Was heraussticht, ist weniger das Sortiment als der Ablauf. Börse4 wirbt mit einer Bewertung vor Ort, ohne Termin, an den Tagen, an denen der Laden ohnehin offen ist. Das Angebot danach sei unverbindlich, die Auszahlung nach Wahl bar oder per Überweisung. Zu Preisen für Schmuck oder Uhren macht die Website keine Angaben, das ist bei einem Ankaufsgeschäft, das von Fall zu Fall bewertet, wenig überraschend. Beim Altgold immerhin legt sie die Methode offen: Der Goldpreis wird tagesaktuell nach der Notierung des jeweiligen Tages berechnet, als Referenz nennt die Website „Cash-Online", und das Gewicht wird mit einer elektronischen Präzisionswaage ermittelt, die vom Eichamt der Stadt Zürich jährlich geprüft und geeicht wird. Das ist keine Preisliste, aber es ist mehr Transparenz über die Berechnungsgrundlage, als viele Ankaufsstellen an der Bahnhofstrasse überhaupt erwähnen, und es deckt sich mit der Schweizer Praxis, wonach die kantonalen Eichämter für die Kontrolle von Messmitteln im Handel zuständig sind.
Wie es organisiert ist
Der Betrieb ist überschaubar, und die Öffnungszeiten sind es auch: Mittwoch bis Freitag von 11 bis 18 Uhr fix geöffnet, Montag, Dienstag und Samstag nur nach Vereinbarung. Wer spontan mit einem Ring oder einer Uhr vorbeikommen will, wählt also am besten einen der drei fixen Tage oder meldet sich vorher an. Kontakt läuft über eine bluewin.ch-Adresse statt über eine eigene Firmendomain für die Mailbox, ein kleines Detail, das zu einem Geschäft passt, das seit über 50 Jahren eher auf Laufkundschaft und Weiterempfehlung setzt als auf ein durchgestyltes digitales Auftreten. Der Online-Shop läuft parallel dazu als zweites Standbein, unabhängig von den fixen Ladenöffnungszeiten einsehbar.
Wie es sich vergleicht
Im Vergleich zu einem Haus an der Bahnhofstrasse, das primär neue Ware verkauft, ist Börse4 fast das Gegenstück dazu: eine Adresse, die sich auf den Umschlag von bereits getragenem Schmuck und bereits getragenen Uhren spezialisiert hat, mit entsprechend anderen Einstiegspreisen pro Stück, wenn man auf der Käuferseite steht, weil hier kein Neupreis eines Herstellers die Kalkulation bestimmt. Im Vergleich zu einem reinen Online-Ankäufer liegt der Vorteil im festen Ladenlokal mitten in der Altstadt, wo man ein Stück physisch vorlegt und die Bewertung direkt erklärt bekommt, statt es blind einzuschicken und auf eine Rückmeldung zu warten. Was die Website nicht bietet, ist eine schriftliche Herkunfts- oder Echtheitsdokumentation zum einzelnen Stück, weder beim Ankauf noch beim Verkauf über den eigenen Shop wird das erwähnt, und zur Gewährleistung beim Kauf im eigenen Shop äussert sich die Website ebenfalls nicht. Wer für ein grösseres Budget eine schriftliche Historie oder eine Garantieregelung will, sollte konkret danach fragen, statt sie vorauszusetzen. Gerade bei einem Verlobungsring, der über Jahrzehnte getragen werden soll, macht dieser eine Anruf oder diese eine Frage vor Ort den Unterschied zwischen einer guten und einer unangenehmen Überraschung.
Für wen es passt
Die Website ist ausschliesslich auf Deutsch, ohne englische Version, ohne Online-Terminbuchung und ohne die Art von Preistransparenz, die man von einer auf internationale Laufkundschaft ausgerichteten Adresse erwarten würde. Das macht Börse4 zu einer eher lokalen Empfehlung: für Zürcherinnen und Zürcher, die eine alte Fassung verkaufen wollen, um einen neuen Ring zu finanzieren, für alle, die gezielt nach einem gebrauchten Stück von Cartier, Van Cleef & Arpels oder einer der anderen geführten Marken suchen, und für alle, die Altgold loswerden wollen und vorher wissen möchten, nach welcher Methode gewogen und gerechnet wird, statt sich auf ein Angebot vor Ort verlassen zu müssen.
Das Fazit
Börse4 ist seit 1972 im Geschäft und seit 2000 an seinem heutigen Standort an der Augustinergasse, und das allein ist in einer Branche, in der neue Ankaufsläden ständig auf- und wieder zumachen, ein Pfund. Die Lage in der Altstadt, keine 140 Meter von der Bahnhofstrasse, macht den Weg kurz, und die offengelegte Berechnungsmethode für Altgold schafft mehr Vertrauen, als das Fehlen einer Preisliste zunächst vermuten lässt. Die Kehrseite sind die knappen fixen Öffnungszeiten und das Fehlen jeder schriftlichen Dokumentation zu den gehandelten Stücken. Wer beides vorher einplant, findet hier einen soliden, altstadttypischen Ankaufs- und Verkaufspartner für Schmuck und Uhren, mit einer Geschichte, die länger zurückreicht als bei den meisten Adressen in derselben Gasse.