Simone Gugger Goldschmiedin
Tap a star to rate
Simone Gugger arbeitet an der Hochstrasse 13 in Zürich-Unterstrass, ein paar Gehminuten von der Tramhaltestelle Haldenbach entfernt und damit spürbar weiter weg von der Bahnhofstrasse als die meisten Namen auf dieser Liste. Ihr Atelier ist eines der wenigen hier, das Verlobungsringe und Trauringe auf der eigenen Website als zwei eigene, benannte Rubriken führt, getrennt von Ohrschmuck und Halsschmuck. Das klingt nach einer Kleinigkeit, ist es aber nicht: Wer online zwischen "Verlobungsringe" und "Trauringe" wählen kann statt sich durch eine allgemeine Schmuckgalerie zu scrollen, sieht sofort, dass beide Anlässe als eigenständige Aufträge verstanden werden und nicht als Variante desselben Rings mit anderem Etikett.
Ein Online-Shop ist das nicht. Es gibt keine Warenkorb-Funktion, keine Preisliste, keine Grössentabelle. Die Website funktioniert als Portfolio: Kollektionen zum Durchklicken, dazu Seiten zu ihrer Person, zur Presse und zum Kontakt. Wer kaufen will, muss anrufen.
Was man bekommt
Gugger arbeitet konsequent mit recyceltem Gold und mit wiederverwendeten Altschliff-Diamanten, also älteren, historisch geschliffenen Steinen statt neu geschürftem Material. Auf ihrer Über-mich-Seite beschreibt sie das selbst so, dass sie Diamanten und Edelsteine aus alten Beständen bevorzugt, dazu Altgold aus bestehenden Stücken. Die Legierungen tragen eigene Namen: Neben gewöhnlichem Recycling-Roségold und Recycling-Rotgold führt sie eine eigene Mischung namens "Dawn". Bei den Steinen kommen neben Altschliff-Diamanten auch Diamantrosen, champagnerfarbene Brillanten, Saphire und Turmaline vor, je nach Stück.
Die einzelnen Modelle sind benannt statt nummeriert, was bei einem Atelier dieser Grösse für eine bewusste Haltung spricht: "Cailloux", "Mazel", "Stelle", "Facettes", "Schlingring" oder die Stapelringe unter dem Namen "6 Freunde". Eine Serie mit dem Zusatz "mains japonaises" kombiniert Recycling-Roségold mit Handgravuren. Wer sich die Kollektion ansieht, merkt schnell, dass hier nicht ein Grundmodell in mehreren Ausführungen verkauft wird, sondern jedes Stück als eigener Entwurf angelegt ist, von schlichten Solitären bis zu ornamentaleren Ringen mit mehreren Steinen.
Auffällig ist auch, wie wenig die Website mit dem Sachwort Nachhaltigkeit hantiert. Wo andere Anbieter das Recycling ihres Goldes gross als Verkaufsargument ausrufen, beschreibt Gugger es eher beiläufig als Teil ihrer Materialwahl, so wie sie auch antike Steine schlicht als das nennt, was sie sind: gebrauchte Diamanten mit eigener Geschichte statt Neuware aus dem Katalog. Für ein Verlobungsring- oder Trauringpaar, dem das wichtig ist, liest sich das glaubwürdiger als ein grün eingefärbtes Label auf der Startseite.
Was auffällt
Zur Ausbildung schreibt Gugger, dass sie nach einer Lehre als Dekorationsgestalterin die Fachklasse "Schmuck und Gerät" durchlaufen hat, bevor sie eigenständig zu gestalten begann. Auf derselben Seite hält sie fest, sie setze seit 20 Jahren alles auf die Karte Schmuckgestaltung, was sie klar von reinen Verkaufsstellen ohne eigene Werkstatt unterscheidet.
2015 bekam dieser Weg eine öffentliche Bestätigung, die nicht selbst verliehen wurde: An der Blickfang-Messe in Zürich erhielt Gugger den MINI Designpreis in der Kategorie "Mode- und Schmuckgestaltung". In ihrem eigenen Bericht dazu schreibt sie, es sei ihr erstes Jahr als alleinige Ausstellerin gewesen, nach einer langjährigen, erfolgreichen Blickfang-Partnerschaft mit Katrin Lucas davor. An jeder Ausgabe der Blickfang Zürich sind laut demselben Text rund 220 Designerinnen und Designer vertreten, jede und jeder meist mit einer ganzen Kollektion statt einem einzelnen Stück. In diesem Umfeld herausgehoben zu werden, wiegt entsprechend mehr als ein Preis unter wenigen Mitbewerbern. Die Jurorin, laut Artikel Redaktorin beim Magazin Annabelle, lobte ausdrücklich den Mut, an einer Verkaufsmesse nur einen kleinen, bewusst kuratierten Ausschnitt der eigenen Arbeit zu zeigen statt der ganzen Bandbreite.
Presseecho gibt es seither wiederholt und über einen langen Zeitraum verteilt: von der Annabelle 2002 über den Blick 2008 und die NZZ 2011 bis zum Z-Magazin der NZZ 2023. Das ist kein einzelner Presseerfolg, der auf der Startseite zitiert und dann nie wieder erwähnt wird, sondern eine Reihe von Beiträgen, die sich über mehr als zwei Jahrzehnte zieht.
Aufbau und Ablauf
Die Website ist klar in Kollektion, Verlobungsringe, Trauringe, Ohrschmuck und Halsschmuck unterteilt, dazu die erwähnten Seiten zu Person, Presse und einer Rubrik "Aktuelles". Einen Online-Kauf gibt es nicht, ebenso wenig eine Liste offener Besuchszeiten. Zum Kontakt heisst es wörtlich, nach telefonischer Vereinbarung stehe die Ateliertür für den Besuch offen. Wer hinfahren will: Tram 10 ab Hauptbahnhof Richtung Flughafen oder Tram 9 ab Bellevue Richtung Milchbuck bringen einen bis zur Haltestelle Haldenbach, alternativ Bus 33 bis Spyriplatz. Das sind Angaben für jemanden, der die Stadt kennt und selbst hinfährt, nicht für eine Reisegruppe, die sich zur Bahnhofstrasse leiten lässt.
Was auf der Website nicht steht: eine Preisliste, eine Angabe zu Lieferzeiten oder eine schriftliche Gewährleistungsregelung. Nichts davon lässt sich also seriös hierher schreiben, ohne es erfunden zu haben. Wer Budget und Fristen klären will, tut das im ersten Telefonat, nicht vorab online.
Im Vergleich
Verglichen mit einem Schaufenster an der Bahnhofstrasse ist das hier das Gegenteil von Laufkundschaft: kein Schaufensterbummel, kein spontanes Hereinschauen zwischen zwei Terminen, sondern ein Anruf zuerst und ein Termin danach. Verglichen mit grösseren Häusern, die eigene Werkstätten oft im Hintergrund oder an einem zweiten Standort führen, wird hier an derselben Adresse gearbeitet, an der auch der Besuch stattfindet, ein einzelnes Atelier statt einer Filiale mit angeschlossener Produktion irgendwo anders. Und verglichen mit Anbietern, die Nachhaltigkeit vor allem als Wort im Prospekt führen, benennt Gugger die recycelten Materialien nüchtern als Bestandteil ihrer Arbeitsweise, nicht als Verkaufsargument mit Sternchen.
Für wen sich das eignet
Für ein Paar, das ein einzeln entworfenes Stück will und akzeptiert, dass man dafür anruft statt hereinzuspazieren. Für alle, die sich bewusst für Altschliff-Diamanten und wiederverwendetes Gold statt neu geschürfter Ware interessieren, ohne dass ihnen das als grosses Verkaufsversprechen verkauft wird. Auch für ein Paar aus dem eigenen Quartier, das nicht extra in die Innenstadt fahren will, ist die Adresse in Unterstrass ein Argument, ganz im Sinne dieser Liste, die bewusst Adressen jenseits der Bahnhofstrasse sammelt.
Weniger geeignet ist das Atelier für ein Paar, das mehrere fertige Modelle in einer Vitrine nebeneinander vergleichen will, denn die eigene Präsentation ist bewusst knapp gehalten, dieselbe Zurückhaltung, für die Gugger 2015 ausgezeichnet wurde. Wer lieber zuerst ohne Anruf durch ein Sortiment stöbert und sich erst danach meldet, ist bei einem Haus mit offenem Ladengeschäft besser aufgehoben als hier.
Fazit
Simone Gugger verbindet eine seit 20 Jahren laufende, mit einem MINI Designpreis 2015 öffentlich bestätigte Praxis mit einer klaren Trennung von Verlobungs- und Trauringen und einer Materialwahl aus recyceltem Gold und Altschliff-Diamanten, die auf der eigenen Seite ohne grosse Worte beschrieben wird. Der Haken ist die fehlende Preistransparenz: Wer sich vorab online orientieren will, findet nichts, das erste verbindliche Gespräch findet am Telefon statt. Für ein Paar, das genau das sucht, nämlich ein Atelier statt eine Auslage, ist die Adresse an der Hochstrasse trotzdem einen Anruf wert.