Beyer Chronometrie

Bahnhofstrasse 31, Zürich · seit 1760

Zum Bewerten auf einen Stern tippen

Beyer Chronometrie an der Bahnhofstrasse 31 gilt nach eigener Aussage als ältestes Uhrengeschäft der Welt, der deutsche Wikipedia-Eintrag bestätigt zumindest den etwas vorsichtigeren Teil davon, dort steht schlicht, die Beyer Chronometrie AG sei das älteste Uhrengeschäft der Schweiz. Acht Generationen einer einzigen Familie haben das Haus seither geführt. Was das für Zürcherinnen und Zürcher gerade jetzt relevant macht: Ende 2026 schliesst Beyer als Familienbetrieb, ab 2027 führt Patek Philippe die Adresse unter eigenem Namen weiter. Wer hier kaufen, etwas reparieren lassen oder das hauseigene Uhrenmuseum besuchen will, sollte wissen, was das für die kommenden Monate bedeutet und was nicht.

Acht Generationen, drei Adressen

Die Familiengeschichte beginnt nicht in Zürich, sondern in Donaueschingen, im heutigen Baden-Württemberg. Dort taucht 1760 erstmals ein Uhrmacher namens Beyer in den Akten auf, Matthäus Beyer. Sein Enkel Stephan Beyer, mit 23 Jahren, brachte Namen und Geschäft 1822 ins zürcherische Feuerthalen und gründete dort um 1830 eine Uhrmacherei mit angeschlossenem Gewürzladen. Sein Sohn eröffnete 1860 das erste Geschäft in der Stadt Zürich, im Niederdorf. 1877 zog das Haus mitten ins neue Bankenviertel an die Bahnhofstrasse, an die Hausnummer 25, und 1927 auf die andere Seite der Bärengasse, in den neu erstellten Orell-Füssli-Hof an der Bahnhofstrasse 31, wo es bis heute geblieben ist.

Dazwischen liegt einiges: Die Weltwirtschaftskrise von 1936 übersteht das Geschäft nur dank Unterstützung von Banken und Vermieter, 1946 stösst Theodor R. Beyer zum väterlichen Betrieb, und 1948 wird aus dem Familienbetrieb eine Aktiengesellschaft, deren Aktien bis heute in Familienhand liegen. Seit 1996 führte die 8. Generation, die Geschwister René Beyer und Muriel Zahn-Beyer, das Haus gemeinsam, ab 2003 dann René Beyer allein. 2024 übergab er die Geschäftsführung an seine Schwester Muriel Zahn-Beyer, 2025 starb er, seither leitet sie Beyer als alleinige Chefin. Dazwischen, 2010, feierte das Haus sein 250-Jahr-Jubiläum mit eigenen Kollektionen und Veranstaltungen, und 2020 blieb das Geschäft während 8 Wochen wegen der Coronapandemie geschlossen, bevor es umfassend renoviert und der Online-Auftritt neu aufgesetzt wurde.

Uhren und Schmuck aus einem Haus, das beides selbst macht

Beyer führt die grossen Marken, die man an dieser Adresse erwartet: Patek Philippe, Rolex samt Rolex Certified Pre-Owned, IWC Schaffhausen, Tudor, Baume & Mercier und Chanel, dazu Vintage- und "Pre-Loved"-Uhren aus zweiter Hand. Seit 2011 betreibt Beyer an der Bahnhofstrasse die erste von einem Händler geführte Patek-Philippe-Boutique der Schweiz, im selben Jahr entstand auch ein eigener Rolex-Bereich mit Diamond Centre.

Der Schmuck ist stärker hauseigen geprägt. In der Chronometrie an der Bahnhofstrasse arbeiten 6 Goldschmiedinnen und Goldschmiede und fertigen Schmuck von Hand, laut eigener Angabe zu 100 Prozent im eigenen Atelier, das 2003 eröffnet und 2012 direkt über dem Ladengeschäft mit dem Uhrenatelier zusammengelegt wurde. Aus diesem Atelier stammen die eigenen Kollektionen Ornamenta und Ornamentina, von Zürich inspiriert, dazu die Kollektion Züri Leu und eine Bergkristall-Linie mit Schweizer Alpenkristall, entworfen vom Chefdesigner des Schmuckateliers, Carlo Mutschler. Dazu kommt Markenschmuck von Wellendorff, IsabelleFa und Yana Nesper. Wer eigene Steine besitzt oder ein Wunschstück will, kann das direkt im Haus in Auftrag geben.

Die Werkstatt bleibt sichtbar

Was Beyer von einer reinen Verkaufsfläche unterscheidet, ist die eigene Werkstatt vor Ort. Im Uhrenatelier arbeiten 10 Uhrmacherinnen und Uhrmacher, 2 davon täglich am Servicetresen für Sofortdiagnosen, etwa Wasserdichtigkeits- und Ganggenauigkeitsprüfungen. Beyer bildet dabei laufend eigenen Nachwuchs aus: Nach eigener Angabe hat das Haus stets 2 Uhrmacherlehrlinge in der Lehre, und es bietet zusätzlich kostenlose Uhrmacherkurse an, bei denen Kundinnen und Kunden unter Anleitung eine Unitas-Taschenuhr zerlegen und wieder zusammensetzen. Im Schmuckbereich kauft Željko Gregurek, Leiter des Goldschmiedeateliers, die Edelsteine selbst ein und pflegt dafür direkte Beziehungen zu Edelsteinhändlern, statt über Zwischenhändler zu gehen.

Ein Museum mitten im Ladengeschäft

Wer Zeit mitbringt, findet den Eingang zum Uhrenmuseum Beyer Zürich direkt im Ladengeschäft, das hält auch Wikipedia so fest. Die Dauerausstellung zeigt mehr als 250 Objekte, von einer ägyptischen Wasseruhr aus der Zeit um 1400 vor Christus bis zur modernen Quarzuhr, geöffnet von Montag bis Freitag. Bis zum 5. September 2026 läuft zusätzlich die Sonderausstellung "Great Art on Small Watches" mit Emailmalerei vom 17. bis 20. Jahrhundert. Eine Führung dauert rund 60 Minuten und kostet CHF 150 pro Gruppe zusätzlich zum regulären Eintritt, öffentliche Abendführungen mit einem Glas Prosecco oder Orangensaft kosten CHF 10 und finden jeweils von 17.30 bis 18.30 Uhr statt.

Der Wechsel ab 2027

Der Grund, warum ein Besuch bei Beyer gerade jetzt eine zeitliche Note hat: 2026 wurde bekannt, dass das Geschäft mangels familieninterner Nachfolge Ende Jahr geschlossen wird. Patek Philippe, das seit 2024 schrittweise eine Minderheitsbeteiligung an der Beyer Chronometrie AG aufgebaut hat, übernimmt den Standort Bahnhofstrasse 31 ab 2027 und führt ihn unter eigenem Namen weiter, das berichten sowohl Wikipedia als auch die NZZ übereinstimmend. Eine Pleite ist das nicht: Beyer selbst spricht im eigenen Online-Auftritt weiter von laufendem Betrieb, aktuellen Sonderausstellungen und Uhrenneuheiten für 2026, und die Seite wird sichtbar bis in dieses Jahr hinein gepflegt. Für Käuferinnen und Käufer heisst das schlicht, dass die Marke Beyer an dieser Adresse ein Enddatum hat. Wer ein Stück mit der Geschichte des Familienbetriebs verbinden will, sollte das vor Ende 2026 tun. Wer vor allem an Patek Philippe interessiert ist, kauft an derselben Adresse voraussichtlich auch 2027 weiter, nur nicht mehr bei Beyer.

Was die Website nicht verrät

So ausführlich Beyer die eigene Geschichte erzählt, so wenig sagt die Website zu Garantie-, Reparatur- oder Umtauschfristen, und auch keine Preislisten für Schmuck oder Uhren sind öffentlich einsehbar. Konkrete Zahlen finden sich nur zum Museum, nicht zum Verkauf. Wer eine feste Zusage zu Gewährleistung oder Lieferzeit braucht, bekommt sie nur im persönlichen Gespräch im Haus, nicht vorab online.

Für wen sich der Weg lohnt

Wer für einen Verlobungsring oder eine Uhr Wert auf ein Haus mit lückenlos erzählter Geschichte legt, auf sichtbare Handwerksarbeit statt auf eine reine Vitrine, ist bei Beyer richtig, noch bis Ende 2026 als Familienbetrieb. Wer stattdessen gezielt eine Patek Philippe sucht, bleibt an derselben Adresse ohnehin gut aufgehoben, auch über den Eigentümerwechsel hinaus. Wer eine feste Preisangabe vor dem ersten Besuch braucht, findet die nicht online und sollte direkt anrufen oder vorbeigehen.

Fazit

Beyer bleibt, trotz des angekündigten Endes als Beyer, eine der wenigen Adressen an der Bahnhofstrasse, die ihre eigene Werkstatt zeigt statt nur zu verkaufen, mit einer Geschichte, die sich bis 1760 zurückverfolgen lässt und die das Haus selbst offen erzählt, samt der eigenen Ablösung durch Patek Philippe. Der einzige echte Wermutstropfen ist die fehlende Preistransparenz, die für ein Haus dieser Grösse nicht unüblich ist, aber eben auch nicht online nachzuprüfen.

Mehr aus Traditionshäuser an der Bahnhofstrasse

Alle ansehen