Kurt Auer Goldschmied
Touchez une étoile pour noter
Kurt Auer führt sein Atelier seit 1991 an der Mutschellenstrasse 175 in Wollishofen, im Kreis 2, eine Tramfahrt und doch eine andere Welt von der Bahnhofstrasse entfernt. Wer sich dort durch Vitrinen mit immer demselben Solitär-Aufbau klickt, findet bei Auer etwas anderes: keine Filiale, kein Verkaufsteam, sondern ein Goldschmied und Edelsteinfasser, der seine Stücke selbst entwirft und in seinem eigenen Atelier von Hand fertigt. Auf seiner Website beschreibt er sich so, nicht als Marketingfloskel, sondern schlicht als Tatsache: Er ist seit über 30 Jahren im Geschäft, jedes Detail entwirft er neu, und das Atelier liegt an derselben Adresse wie der Laden. Wer vorbeigeht, sieht die Werkbank, nicht nur eine Verkaufstheke.
Was auf der Seite fehlt, gehört ebenso zur ehrlichen Einordnung: Wo Auer seine Lehre gemacht hat, steht nirgends, und von einer Familientradition mit mehreren Generationen ist nicht die Rede. Das ist kein Manko, nur eine andere Art Betrieb als ein Traditionshaus mit langer Firmengeschichte. Es ist ein Ein-Personen-Unternehmen, das seit 1991 unter dem eigenen Namen an derselben Quartierstrasse arbeitet, ohne dass die Website eine Übergabe an eine nächste Generation ankündigt oder verneint. Wer das wissen will, muss vor Ort fragen.
Die V-Collection statt Katalogware
Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal heisst V-Collection, ein nach eigenen Angaben registriertes Ringdesign. Statt eines anonymen Solitär-Katalogs zeigt die Website eine Übersicht mit benannten Einzelstücken, aufgeteilt in drei Gruppen von Ring-Details. Darunter Namen wie Aura, Dragon und Polarstern, aber auch Big Bang, Gewitter, Himmlisch, Royal, Splash, Arche Noa, Dach der Welt oder schlicht Hope. Insgesamt zählt die Navigation der Website 40 einzeln benannte Ringe über die drei Gruppen hinweg, jeder mit einer eigenen Unterseite. Das ist ungewöhnlich konkret für einen Quartiergoldschmied: Statt "wir fertigen auch Verlobungsringe" nennt Auer 40 Ausgangspunkte beim Namen, über die sich schon vor dem ersten Besuch reden lässt.
Wichtig zu verstehen ist dabei, was die V-Collection nicht ist. Sie ist kein Katalog fertiger Ringe ab Lager. Auer beschreibt jedes Stück als Unikat ohne Serienproduktion, jeder Ring existiert laut eigener Aussage nur für eine einzige Person. Wer sich in einen der 40 abgebildeten Ringe verliebt, bekommt also nicht exakt dasselbe Stück nachbestellt, sondern eine neue, an diese Formensprache angelehnte Anfertigung. Auf der Galerie-Seite hält die Website ausdrücklich fest, dass manche der gezeigten Stücke bereits verkauft und in Privatbesitz sind, andere noch verfügbar wären, wieder andere nur als Formensprache für ein neues Stück dienen.
Wie ein Ring bei Auer entsteht
Wer eine Anfertigung nach Mass im klassischen Sinn erwartet, bei der man jedes Detail selbst vorgibt, sollte den Ablauf hier genau lesen. Auer beschreibt den Prozess auf seiner Philosophie-Seite so: Ein neuer Ring entstehe nicht nach den Wünschen der Kundschaft, sondern nach seiner eigenen kreativen Inspiration. Kundinnen und Kunden können eine erste Rückmeldung zu einem bestehenden Ring oder zu einem Stein geben, den Rest überlässt man ihm. Das ist das Gegenteil eines Konfigurators mit Fassung, Steingrösse und Metall zum Anklicken, und wer genau das sucht, ist bei Auer an der falschen Adresse. Wer dagegen Lust auf eine echte Überraschung hat und dem Handwerker die künstlerische Führung überlässt, bekommt laut eigener Beschreibung entweder ein bereits bestehendes Stück, in das man sich auf Anhieb verliebt, oder ein neues Unikat, das erst im Lauf der Arbeit entsteht.
Die Website nennt daneben eine zweite Möglichkeit, die für Verlobungsringe mit familiärer Geschichte interessant ist: Auer erweckt nach eigener Aussage auch ungenutzte Edelsteine oder alte Schmuckstücke zu neuem Leben. Ein geerbter Stein aus einem alten Ring liesse sich damit theoretisch in eine neue Fassung aus der V-Collection überführen, auch wenn die Website kein konkretes Beispiel dafür zeigt und offen lässt, wie dieser Prozess preislich oder zeitlich abläuft.
Material und Herkunft
Zum Material macht die Website eine klare, wiederholte Aussage: Die verwendeten Edelmetalle und Legierungen stammen aus 100 Prozent europäischem Recycling, laut eigener Angabe aus ökologisch und sozial unbedenklichen Quellen, dazu wirbt die Seite mit "100% Schweizer Handwerkskunst" für die Verarbeitung selbst. Konkrete Angaben zu Feingehalt, Herkunftszertifikat oder einem unabhängigen Prüfsiegel fehlen allerdings, die Aussage bleibt eine Eigendeklaration des Ateliers, keine extern beglaubigte. Für ein Ein-Personen-Atelier ohne grosses Marketingbudget ist das trotzdem eine ungewöhnlich klare Materialaussage, die viele grössere Häuser so explizit gar nicht treffen.
Sortiment und Praktisches
Neben den Verlobungsringen der V-Collection führt Auer nach eigener Aufstellung auch Trauringe, weitere Schmuckringe, Halsschmuck sowie, laut der Kopfzeile der Website, Colliers, Broschen, Ohrringe, Bracelets und Armreifen. Bei den Trauringen wirbt die Seite mit dem Satz, man solle die eigenen Vorstellungen mitbringen und gemeinsam individuelle Trauringe kreieren, die die Beziehung besiegeln, was zusammen mit der V-Collection zeigt, dass Verlobungs- und Trauring bei Auer als zusammenhängendes Angebot gedacht sind statt als zwei getrennte Sortimente.
Der Laden liegt an der Mutschellenstrasse 175 in 8038 Zürich, im Quartier Wollishofen. Geöffnet ist laut eigener Angabe von Dienstag bis Freitag jeweils 14.00 bis 18.00 Uhr sowie samstags 10.00 bis 15.00 Uhr, montags bleibt geschlossen, ausser nach telefonischer Vereinbarung. Telefonisch ist Auer unter 044 483 05 52 erreichbar, ebenso per E-Mail. Wer nur unter der Woche vormittags Zeit hat oder freitagabends nach Feierabend vorbeischauen möchte, findet also keine passende Öffnungszeit und muss auf den Samstagvormittag ausweichen oder vorher anrufen.
Was die Website nicht sagt
Zu Preisen äussert sich die Website an keiner Stelle, weder für die V-Collection noch für Trauringe oder eine Anfertigung aus eigenem Stein. Ebenso wenig steht dort etwas zur Gewährleistung, zu Nachbesserung oder dazu, ob eine spätere Grössenänderung im Preis inbegriffen ist. Für eine verbindliche Aussage dazu bleibt nur das Gespräch am Tresen oder am Telefon, nicht die Website selbst. Das ist bei einem Ein-Personen-Betrieb ohne eigene Rechtsabteilung nicht unüblich, aber wer eine schriftliche Zusage vor dem Kauf braucht, sollte das aktiv einfordern statt sie vorauszusetzen.
Für wen sich der Weg lohnt
Am meisten Sinn ergibt Auer für Paare, die sich für ein Ausgangsdesign mit eigenem Namen statt für einen anonymen Katalogring interessieren und bereit sind, dem Goldschmied bei den letzten Details freie Hand zu lassen statt jeden Millimeter selbst festzulegen. Ebenso passend für alle mit einem alten Familienstein, den sie in eine neue Fassung überführen möchten, oder für ein Paar, das ohnehin in Wollishofen wohnt und den Weg zur Bahnhofstrasse gar nicht erst antreten will. Weniger geeignet ist das Atelier für alle, die ein exaktes Duplikat eines gesehenen Rings bis ins letzte Detail bestellen wollen, oder die feste, schriftliche Gewährleistungsbedingungen schon vor dem ersten Besuch brauchen.
Unser Fazit
Kurt Auer ist ein Beispiel dafür, was ein einzelner Handwerker in einem Quartier abseits der grossen Adressen bieten kann: eine eigene, seit 1991 gewachsene Formensprache mit 40 benannten Ringen, echte Unikatfertigung ohne Serienproduktion und eine klare Aussage zu recyceltem Material. Der Haken liegt im Prozess selbst: Wer die Kontrolle über jedes Detail behalten will, ist mit einem Konfigurator anderswo besser bedient, und wer nur ausserhalb der knappen Öffnungszeiten Zeit hat, muss sich vorher telefonisch verabreden. Für alle anderen ist das Atelier an der Mutschellenstrasse eine der eigenständigsten Adressen in dieser Kategorie.